Selfies und Psychologie: Was das Selbstfoto über uns verrät

Selfies und Psychologie: Was das Selbstfoto über uns verrät

Was ist ein Selfie – und warum ist es mehr als ein Foto?

Ein Selfie ist ein Selbstfoto, das man in der Regel mit dem Smartphone aus der eigenen Hand heraus aufnimmt – oft mit einer Frontkamera, manchmal mit Selfie-Stick. Die Aufnahme wird typischerweise unmittelbar in sozialen Medien geteilt. So lautet die technische Definition. Doch wer dabei stehen bleibt, verpasst das Wesentliche.

Die kurze Geschichte des Selfies

Das Wort „Selfie“ taucht erstmals um 2002 in einem australischen Online-Forum auf, bevor es 2013 vom Oxford Dictionary zum Wort des Jahres gekürt wurde. Den eigentlichen Boom brachten Smartphones mit Frontkamera ab rund 2010 sowie Plattformen wie Instagram, die das Teilen von Bildern in Echtzeit zur sozialen Praxis machten. Heute entstehen schätzungsweise mehrere Milliarden Selbstfotos pro Tag weltweit – die digitale Bildkultur ist ohne das Selfie kaum noch vorstellbar.

Selfie vs. Selbstporträt: ein alter Impuls in neuer Form

Der Impuls dahinter ist keineswegs neu. Selbstporträts begleiten die Menschheit seit Jahrhunderten: Albrecht Dürer, Rembrandt, Frida Kahlo – sie alle nutzten das eigene Gesicht als künstlerisches und persönliches Ausdrucksmittel. Der Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich beschreibt in seinem Essay Selfies (Verlag Klaus Wagenbach, 3. Auflage) das Selbstfoto als zeitgemäße Fortsetzung einer langen Tradition der Selbstvergewisserung durch Bilder. Was sich verändert hat, ist die Geschwindigkeit, die Reichweite und die soziale Einbettung: Das Selfie ist von Anfang an für ein Publikum gedacht – das unterscheidet es grundlegend vom klassischen Selbstporträt im Atelier.

Warum machen wir Selfies? Die psychologischen Motive

Hinter einem scheinbar banalen Foto steckt ein vielschichtiges Motivbündel. Die Persönlichkeitspsychologie hat in den vergangenen Jahren begonnen, dieses Verhalten systematisch zu untersuchen.

Selbstdarstellung und soziale Zugehörigkeit

Der Soziologe Erving Goffman prägte bereits in den 1950er Jahren den Begriff des „Impression Management“ – die bewusste Steuerung des Eindrucks, den wir bei anderen hinterlassen. Das Selfie ist eine digitale Fortsetzung genau dieses Mechanismus. Wir wählen Winkel, Licht und Mimik, um eine bestimmte Version von uns selbst zu zeigen. Gleichzeitig signalisieren wir soziale Zugehörigkeit: Ich war dabei, ich gehöre dazu, ich existiere in dieser sozialen Welt. Soziale Validierung – also das Gefühl, gesehen und anerkannt zu werden – ist ein fundamentales menschliches Bedürfnis, das Selbstfotos in sozialen Medien auf direktem Weg ansprechen.

Identitätskonstruktion: Wer bin ich – und wer möchte ich sein?

Identität ist kein statischer Zustand, sondern ein fortlaufender Prozess. Das gilt besonders für Jugendliche und junge Erwachsene, die sich in einer Phase intensiver Identitätsentwicklung befinden. Selfies können dabei eine Art visuelles Tagebuch sein: Man probiert Rollen aus, testet, wie man sich selbst wahrnimmt, und beobachtet, wie andere reagieren. Die Fotografin und Psychologin Pamela Rutledge hat in mehreren Beiträgen für die American Psychological Association argumentiert, dass Selfies – richtig eingesetzt – ein Werkzeug der aktiven Identitätserkundung sein können, nicht nur passiver Eitelkeit.

Erinnerung, Kontrolle und das Festhalten von Momenten

Ein weiteres Motiv ist schlicht das Festhalten von Erlebnissen. Selbstfotos dokumentieren: Ich war hier, ich habe das erlebt. Dabei geht es nicht nur um Erinnerung, sondern auch um das Gefühl von Selbstwirksamkeit und Kontrolle – ich entscheide, wie dieser Moment repräsentiert wird. Studien aus der Gedächtnisforschung, etwa von Maryanne Garry und Kollegen, zeigen allerdings auch, dass exzessives Fotografieren die eigene Erinnerung an ein Erlebnis paradoxerweise abschwächen kann, weil die Aufmerksamkeit auf die Kamera statt auf den Moment gerichtet ist.

Selfies und Selbstwertgefühl: Fluch oder Chance?

Kaum ein Thema rund um das Selbstfoto wird so kontrovers diskutiert wie seine Auswirkung auf das Selbstwertgefühl. Die Forschungslage ist nuancierter, als es öffentliche Debatten oft vermuten lassen.

Was die Forschung sagt: Likes und Selbstbild

Eine vielzitierte Studie von Vogel, Rose, Roberts und Eckles (2014, Psychology of Popular Media Culture) zeigte, dass der Vergleich mit attraktiven Profilen auf Social Media das Selbstwertgefühl kurzfristig senkt. Dieser Effekt ist robust, insbesondere bei jungen Frauen und in Bezug auf das Body Image. Gleichzeitig belegen neuere Untersuchungen, dass nicht das Selfie-Machen selbst, sondern der anschließende soziale Vergleich das entscheidende Problem darstellt. Likes funktionieren dabei wie eine dosierte Belohnung: Sie aktivieren das Belohnungssystem und können eine Art Rückkopplungsschleife erzeugen, in der das Selbstwertgefühl zunehmend von externer Validierung abhängt.

Wenn Selfies zum Problem werden: exzessives Fotografieren

Der Begriff Selfitis – geprägt von Forscher:innen um Janarthanan Balakrishnan und Mark D. Griffiths (Nottingham Trent University, 2018) – bezeichnet ein zwanghaftes Verlangen, Selbstfotos aufzunehmen und in sozialen Medien zu teilen, das mit sinkendem Selbstwertgefühl, sozialem Rückzug und Kontrollverlust einhergeht. Wichtig ist dabei die klinische Einordnung: Selfitis ist kein offiziell anerkanntes Störungsbild im DSM-5 oder ICD-11, beschreibt aber ein Verhaltensmuster, das der Suchtforschung konzeptuell ähnelt. Wer merkt, dass das Auslassen eines Selfies Unruhe oder Angst auslöst, sollte das ernst nehmen.

Selfies als Werkzeug der Selbstreflexion

Es gibt jedoch auch eine konstruktive Seite. In therapeutischen Kontexten werden Selbstfotos vereinzelt genutzt, um Menschen beim Aufbau eines positiveren Körperbildes zu unterstützen – etwa in der Arbeit mit Essstörungen oder sozialen Ängsten. Das gezielte Betrachten und Akzeptieren des eigenen Bildes kann Selbstreflexion fördern und Scham reduzieren. Entscheidend ist dabei, ob das Selfie-Machen dem Selbstausdruck dient oder ob es primär auf externe Bestätigung ausgerichtet ist.

Was unser Selfie-Verhalten über uns verrät

Nicht alle machen Selfies aus denselben Gründen – und nicht alle werden beim Betrachten gleich wahrgenommen. Die Persönlichkeitspsychologie liefert hier aufschlussreiche Befunde.

Fünf Typen von Selfie-Poster:innen

Eine Systematik, die in der Forschung immer wieder auftaucht, unterscheidet grob folgende Profile:

  • Die Kommunikator:innen: Sie teilen Selfies, um soziale Verbindungen zu pflegen und Erlebnisse zu teilen – Motivation ist primär Zugehörigkeit.
  • Die Selbstvergewissernden: Sie nutzen das Selbstfoto zur Identitätsarbeit, testen Versionen ihrer selbst und suchen Rückmeldung aus ihrem sozialen Umfeld.
  • Die Aufmerksamkeitssuchenden: Im Vordergrund steht das Bedürfnis nach Sichtbarkeit und Anerkennung – hier korreliert das Verhalten stärker mit narzisstischen Persönlichkeitszügen, wie Meta-Analysen von Sorokowski und Kolleg:innen (2015) zeigen.
  • Die Dokumentierenden: Selfies dienen als visuelles Tagebuch, weniger für andere als für sich selbst.
  • Die Ironischen: Sie nutzen das Selfie bewusst gebrochen – als Kommentar auf die Selfie-Kultur selbst.

Diese Typen sind natürlich Idealtypen. Die meisten Menschen bewegen sich je nach Situation und Stimmung zwischen ihnen.

Wie andere unsere Selfies wahrnehmen

Ein Beitrag der Redaktion von psychologie-heute.de (2024) weist darauf hin, dass Selfies beim Betrachten oft andere Eindrücke erzeugen als beabsichtigt. Insbesondere häufig gepostete Selbstfotos werden von Außenstehenden schneller als narzisstisch oder unsicher eingestuft – unabhängig davon, was die Person tatsächlich motiviert hat. Der erste Eindruck, den ein Selfie erzeugt, hängt stark davon ab, wie authentisch das Bild wirkt: Stark inszenierte Aufnahmen mit erkennbarem Filter werden als weniger vertrauenswürdig wahrgenommen als spontaner wirkende Bilder. Authentizität – oder zumindest deren Anschein – ist in der digitalen Bildkultur zur sozialen Währung geworden.

Häufige Fragen zu Selfies und Psychologie

Sind Menschen, die viele Selfies machen, narzisstisch?

Nicht automatisch. Der Begriff Narzissmus beschreibt in der klinischen Psychologie eine Persönlichkeitsstruktur, die durch übersteigertes Geltungsbedürfnis, Mangel an Empathie und ein fragiles Selbstwertgefühl gekennzeichnet ist – das ist etwas grundlegend anderes als das Posten von Selfies. Studien zeigen zwar eine moderate positive Korrelation zwischen narzisstischen Persönlichkeitszügen und der Häufigkeit von Selfies (u. a. Sorokowski et al., 2015), aber Kausalität lässt sich daraus nicht ableiten. Die große Mehrheit der Menschen, die regelmäßig Selbstfotos teilen, erfüllt keine klinischen Kriterien für narzisstische Persönlichkeitsstörungen.

Ab wann ist das Selfie-Machen ungesund?

Orientierungspunkte aus der Forschung: Wenn das Ausbleiben von Likes anhaltende Niedergeschlagenheit oder Angst auslöst, wenn Selfies vorrangig dazu dienen, ein negatives Körperbild zu kompensieren, oder wenn das Fotografieren wichtige Alltagsaktivitäten oder soziale Interaktionen verdrängt, lohnt eine ehrliche Selbstreflexion – und gegebenenfalls ein Gespräch mit einer Fachperson für psychische Gesundheit. Das Selfitis-Konzept von Balakrishnan und Griffiths (2018) bietet hierfür einen nützlichen Rahmen, auch wenn es kein offizielles Diagnosekritierium darstellt.

Können Selfies das Selbstbild verbessern?

Unter bestimmten Bedingungen: ja. Wenn Selbstakzeptanz das Ziel ist – also das Betrachten und Annehmen des eigenen Gesichts ohne sofortigen sozialen Vergleich –, können Selfies ein niedrigschwelliges Werkzeug der Selbstwahrnehmung sein. Therapeutische Ansätze nutzen diesen Effekt gezielt. Problematisch wird es, wenn Selbstfotos primär als Instrument der Selbstoptimierung und des Vergleichs eingesetzt werden: Dann kann das ständige Streben nach dem „besseren“ Selfie das Selbstbild langfristig eher untergraben als stärken.